Netflix-Kurssprung: Emittent vs. Trader, Abzocke die x-te

20.01.2017 - 3 Minuten Lesezeit

Netflix hat die Analysten positiv überrascht mit den Quartalszahlen nach Börsenschluss am 18. Januar, und eröffnet nächsten Tag um 6,5% höher. Glückwunsch an alle, die Long waren in der Aktie oder im CFD. Wer mit bestimmten Bull-Zertifikaten oder Call-Optionssscheinen auf Gewinne nach US-Eröffnung hoffte, wähnte sich aber teilweise in einem schlechten Film. Die Emittenten haben mal wieder an den Stellschrauben gedreht.

Um sich gegen zu große Gaps abzusichern, verfügen die Emittenten von Zertifikaten und Optionsscheinen über verschiedene Werkzeuge. Bei Optionsscheinen ist dies die implizite Volatilität, bei Hebelzertifikaten das Aufgeld. Letzteres haben wir ja bereits mehrfach thematisiert, im Falle Netflix wollen wir diesmal die Dreistigkeit mancher Emittenten bei der Kursstellung von Optionsscheinen beleuchten.

Netflix ist extrem bewegungsfreudig bei Quartalszahlen. So hat diese Aktie am Tag nach den letzten drei Terminen Kurssprünge im Ausmaß von 13 bis 19% gezeigt. Günstige Zertifikate und Optionsscheine waren denn auch nicht mehr zu bekommen am 18. Januar. Schon Tage zuvor beginnen die Emittenten damit Risikoaufschläge einzupreisen bzw. die implizite Vola in die Höhe zu schrauben. Nach dem Ereignis, in diesem Fall Unternehmenszahlen, wird die Vola wieder reduziert, und damit verliert der Call an Wert. Dies kann nun wie in folgendem Fall so weit gehen, dass die Aktie um 6,5% zulegt, während ein Call-Optionsschein Verluste erzeugt!

Zuerst der 5min-Chart der Netflix-Aktie seit dem 13. Januar, gefolgt vom Chart des Call-Optionsscheins der Deutschen Bank (sieht bei anderen Emittenten nicht viel anders aus) mit der ISIN DE000DL8W6R2 über den gleichen Zeitraum:

netflix_5min

 

 

dbk_call

Der Schlusskurs von Netflix betrug am 18. Januar kurz vor den nachbörslichen Zahlen 133,3 USD. Der Call-OS war zu 0,28 EUR zu haben noch.

Netflix wurde dann außerbörslich gepreist zu ca. 142 USD, was einen Plus von 6,5% entspricht. Die Kursstellung des Call-OS tendierte ab 8 Uhr morgens um 0,55 EUR herum, was noch einem satten Plus von knapp 100% entspricht. So weit, so gut. Glückwunsch all jenen, die außerbörslich diese Buchgewinne realisiert haben. Aber was ist mit jenen, die auf die US-Eröffnung um 15:30 warten wollten um noch von weiteren potentiellen Kursgewinnen zu profitieren? Für die gab es ein böses Erwachen:

Ab 15:36 wurden für sieben Minuten keine Kurse gestellt. Da hieß es dann "Server nicht erreichbar" oder ähnlich, während Call-Besitzer auf glühenden Kohlen saßen. Netflix tendierte in diesen sieben Minuten seitwärts. Der Call aber verlor zum nächsten Kurs 45% an Wert! So enorm wirkte sich die Herabsetzung der impliziten Vola durch den Emittenten aus, der sich 7 Minuten Zeit nahm für seine Kalkulationen.

Am Ende des Handelstages sah die Situation dann so aus: obwohl Netflix zum Schlussgong im Vergleich zum Vortagesschlusskurs immer noch einen Gewinn von 3,8% feierte, hatte der Call nur noch einen Wert von 0,21 EUR und damit ein Minus von 25%.

Da die Puts andererseits noch viel mehr an Wert verloren haben, ist klar ersichtlich, in welche Richtung das Geld der Trader floss.

Ein befreundeter Trader hatte diesen Optionsschein im Depot und wollte die ersten Minuten nach US-Eröffnung abwarten. Nach den massiven Kursabschlägen im Schein kontaktierte er Händler bei der Deutschen Bank, und bekam sinngemäß folgende Antwort:

Die Kursstelung ist okay, Netflix ist nach Handelsstart schließlich stark gefallen

Versierte Trader wissen natürlich um den Umstand, dass vor Zahlen Vola auf- und nach den Zahlen wieder abgeschlagen wird. Wer die intransparenten Vorgänge rund um News nicht kennt und sich der Unberechenbarkeit der Emittenten nicht vollauf bewusst ist, dem sei geraten die Finger von Zertifkaten und Optionsscheinen zu lassen. Transparentes Trading sieht nämlich definitiv anders aus, es verdient am Ende nur das Casino, äh, der Emittent.

Wer betroffen ist in diesem oder anderen Scheinen und nicht einfach alles hinnehmen möchte, kann etwa bei der Handelsüberwachung der Euwax in Stuttgart anrufen und sich beschweren unter der Telefonnummer 0711 222985682.

Viel Erfolg beim Trading
Michael Hinterleitner

Über den Autor

Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner

Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt. Als Mitbegründer der Vergleichsplattform BrokerDeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

Kommentare

  • Norbert kommentierte am 23.01.2017 um 08:33 Uhr

    Toller Artikel, toll herausgearbeitet. Mit dieser Thematik habe ich mich ebenfalls intensiv beschäftigt und komme zum gleichen Ergebnis. Hier hilft dann doch nur noch der Weg zu "Optionen" - weg von der Willkür der Emittenten bei der OptionsSCHEIN-Preisung. Ich habe hier kein Verständnis. Unakzeptabel für mich! Hier heißt es nur für den Anleger auf Distanz zu gehen und dieses "Spiel" nicht mitspielen. Natürlich wird diese Problematik den allerwenigsten bewusst sein, was hier passiert. Deshalb finde ich gut, dass Sie einen solchen Sachverhalt öffentlich machen. VG

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